Das Riesenspielzeug

Jene zwischen Weitisberga und Schmiedebach gelegene Riesenburg mit den benachbarten Riesengräbern und auch der in der Nähe unversiegbar sprudelnden Riesenquelle erinnert an den alten Wohnsitz eines Riesen, der in grauen Zeiten mit Weib und Tochter auf diesem Berg hauste.

Von seiner Tochter nun wird erzählt, daß sie eines Tages auf ihrem Spaziergang über das Land einem Bauern begegnete, der mit seinen Pferden und dem Pflug den Boden für die neue Saat umbrach. Das Mädchen konnte sich nicht genug an dem emsigen Gewimmel zu seinen Füßen sattsehen. Solch ein beweglicher Spielzeug hatte sie ihr Lebtag lang noch nicht gesehen!

Als dann der Tag sich seinem Ende neigte und es für sie Zeit zur Heimkehr in die Burg wurde, wollte sie sich einfach nicht von den kleinen Gestalten trennen, und da sie es aus der Burg gewohnt war, daß sie jeden Willen bekam, bedachte sie sich auch hier nicht lange, ihren Wunsch zu erfüllen. Also schürzte sie kurzerhand den Saum ihres Rockes, beugte sich zur Erde und hob das ganze Gefährt in den Stoff. Daß sich Mensch und Tier heftig wehrten, versetzte sie ob des munteren Gezappels in ein schallendes Lachen, das ihr noch beim Betreten der Burg von den Lippen ging.

Das ließ die Eltern nachschauen, was wohl ihre Tochter so erfreute. Gar ärgerlich aber wurden Mutter und Vater, als das Mädchen den geschürzten Rock öffnete und ihnen das aufgegriffene Riesenspielzeug zeigte. Die Mutter mahnte sie, daß sie alle nicht leben könnten, wenn der Bauer nicht arbeite, und der Vater gebot ihr mit aller Strenge, den nützlichen Mann samt seinen Pferden und dem Pflug sofort zu der Stelle zurückzubringen, von der sie alles genommen hatte.

Beschämt ob ihrer unbedachten Tat eilte die Tochter des Riesen, dem Schöpfer der Früchte der Erde sein Werk ungehindert fortsetzen zu lassen …

 
(aus: Günter Wachter, Der Schatz unterm Stelzenbaum, Schleiz 1978)