Der Pestmann von Schleiz

Im Turm der Bergkirche zu Schleiz befindet sich der Grabstein für einen 1575 verstorbenen Hans von Kospoth, der von der Legende den Beinamen »Pestmann« erhalten hat.

Als dieser Kospoth im genannten Jahre von einem Kriegszug aus Ungarn zurückkehrte‚ erkrankte er kurz darauf und starb eines schnellen Todes. Seine Beisetzung auf dem Friedhofe der Bergkirche erfolgte mit dem standesgemäßen Aufwand, an dem das Schleizer Regentenhaus ebenso wie die Honoratioren der Bürgerschaft teilnahmen; auch der Schülerchor der Schleizer Knabenschule sang um Grabe zum Abschied von dem ehrwürdigen Verstorbenen.

Da nun die Trauerfeier beendet war, eilten die Chorknaben, einen Platz im Leichenwagen zu erhaschen, um so mit den vier vorgespannten Pferden in der ihnen äußerst vornehm dünkenden Fahrt und außerdem recht schnell in die Stadt zurück zu gelangen.

Doch ihre kindliche Freude über eine solche herrschaftliche und schnelle Fuhre wandelte sich über Nacht in eine stadtweite Trauer. Denn als von den munteren Knaben einer nach dem anderen wie die Fliegen ermattet auf das Lager fielen und schon tags darauf dahinstarben, bald Eltern, Geschwister und Nachbarn der gleiche Tod ereilte, endlich nach kurzer Zeit in der Stadt Schleiz an die siebenhundert Leute dieser grausamen Seuche zum Opfer fielen, hatte jener Kospoth aus Ungarn über die Chorknaben im Leichenwagen die eingeschleppte Pest auf die Hälfte der Stadt verbreitet.

In grauenvoller Erinnerung wurde er bald nur noch der »Pestmann« genannt …

 
(aus: Günter Wachter, Der Schatz unterm Stelzenbaum, Schleiz 1978)