Wlawa und Ardal

Das Tal der Wilzen

Zwischen den Dörfern Rauschengesees und Burglemnitz zieht sich eine schmale Talrinne dahin.

Dieser enge Grund heißt das Wilschnitztal, das nach der Sage aber ursprünglich das Wilzental genannt wurde, weil hier vorzeiten der slawische Stamm der Wilzen wohnte. Die Wilzen fanden jedoch in dieser Talsenke auch ihr Grab; sie wurden von den vordringenden Thüringern geschlagen und schließlich bis auf den letzten Mann vernichtet. Seitdem soll es im Wilzental nicht geheuer sein.

Ein Hügel auch von Rauschengesees nach Burglemnitz zu heißt die Hermeshöhe. Hier entsteigt zu nächtlicher Stunde ein riesiger Feuermann mit einer Fackel, die er funkensprühend um seinen Kopf schwingt, wenn er das Wilzental hinab bis zur sogenannten Prodentälle schreitet, wo er die Fackel dann in der Quelle wieder löscht …

 

Wlawa und Ardal

Auf der Burg Geraha, die sich an der Stelle erhob, die man dann als Häselburg bezeichnete, lebten einst zwei sorbische Fürstenbrüder und teilten sich in der Herrschaft über die Landschaft an der Elster.

Der ältere Bruder, Zschargha mit Namen, hatte sein Weib früh verloren, und nur der aufwachsende Sohn Ardal war sein Glück und Sonnenschein. Halwar, der jüngere von beiden, war mit der Tochter eines tschechischen Stammesherrn verlobt, und Wlawa weilte bereits auf der Burg, denn in wenigen Tagen sollte die Hochzeit stattfinden.

Doch die Vorbereitungen zur Feier der Vermählung wurden jäh unterbrochen, als ein Bote mit der Schreckenskunde eintraf, daß von der oberen Saale her ein Frankenheer unter seinen Anführern Rudolf und Dagobert mordend und plündernd nahte. Zschargha und Halwar zogen sofort an der Spitze ihrer Getreuen gegen den Feind, während Ardal noch vergeblich um Teilnahme am Kampf gebeten hatte und auch Wlawa in großer Sorge um den Geliebten in der Burg zurückblieb.

Die Franken waren indessen herangekommen und hatten offensichtlich Geraha umgangen, denn auf der Höhe von Ronneburg kam es zu einem furchtbaren Kampf. Die Sorben mußten sich ins Brahmental zurückziehen. Im neuen Kampf prallten die beiden Streitkräfte aufeinander. Doch der Übermacht der Franken waren die Sorben nicht gewachsen. Schon hatte Zschargha den Todesstoß empfangen, und bald darauf verschied auch der jüngere Halwar auf dem Kampffeld. Schon gaben ihre Getreuen den Kampf verloren.

Da plötzlich hörte der Rest der Schar die Stimme des jungen Ardal, der an der Spitze der zum Schutze der Burg zurückgebliebenen Truppe den Bedrängten zu Hilfe eilte. Mit seiner Begeisterung und erfüllt vom Haß angesichts der Toten stürzten sich die letzten Sorben mit vervielfachtem Mute auf den Feind und schlugen ihn doch noch in die Flucht. Der Sieg war so glänzend, daß am Ende kein Franke das Land an der Elster lebend verließ.

Ardal und seine Schar waren Sieger geblieben, aber es war ein teurer Sieg, denn er hatte ihnen ihre beiden Stammesfürsten und viele weitere Tote gekostet.

So zog am anderen Morgen der Trauerzug aus der Burg nach dem Zaufensgraben. Die Leichen von Zschargha und Halwar wurden auf zwei mächtige Scheiterhaufen gelegt, die dann von den Priestern entzündet wurden. Die Reste der Sorben beklagten ihre Führer.

Nun aber schritten Wlawa und Ardal auf die brennenden Scheiterhaufen zu. Bleichen Gesichts, doch festen Schrittes bestieg Wlawa den Flammenstoß des Geliebten, während Ardal sich auf den Scheiterhaufen des Vaters stürzte. Getreu der Sitte verbrannten sie sich mit den Toten, ohne die auch sie selbst nicht mehr leben wollten. Am anderen Tag bargen dann die Sorben die Überreste der Verbrannten in Urnen und übergaben diese der Erde …

 
(aus: Günter Wachter, Der Schatz unterm Stelzenbaum, Schleiz 1978)