Der Rehbock des wilden Jägers

In alter Zeit, als noch in den ausgedehnten Wäldern des Wisentalandes der wilde Jäger sein Unwesen trieb, lebte im Wetterhammer, einer Mühle am Wetterabach unweit von Saalburg, ein rechtschaffener Müller. Als dieser sich nun eines Abends, sein Pfeifchen schmauchend, zum Fenster hinauslehnte, zog gerade der wilde Jäger mit seinem Gefolge mit Hörnerklang und Hundegebell im nahen Walde vorüber. Aus Übermut rief da der Müller, ohne sich etwas Böses zu denken, dem wilden Jäger nach: »Bring mir auch einmal einen Rehbock mit!« Seine Stimme verhallte allmählich im Tale, auch der Hörnerklang des wilden Jägers war mittlerweile verstummt. Der Müller schloß bald darauf sein Fenster und begab sich zur Ruhe.

Aber wie erstaunte er, als am anderen Morgen an der Haustüre wahrhaftig der gewünschte Rehbock hing! Der erschrockene Müller wollte aber doch auf keinen Fall etwas mit dem wilden, Jäger zu tun haben. Daher beschloß er kurzerhand, die Jagdbeute der Unholdes zu verscharren. Das blieb freilich fruchtlos, denn um folgenden Morgen war derselbe Rehbock abermals über der Haustür befestigt.

Als sich der gleiche Vorgang in der folgenden Nacht wiederum ergab, wußte sich der Müller nicht anders zu helfen, als seinen Kirchpfarrer um Rat und Beistand anzugeben. Dieser machte ihm dann den folgenden Vorschlag: in der künftigen Nacht auf den wilden Jäger zu warten und von dem Salz zu dem Rehbock zu verlangen. Da nun die Nacht völlig hereingebrochen war und der wilde Jäger abermals vorüberzog, rief der Müller dem wilden Gesellen nach: »Vergiß morgen das Salz zu deinem Rehbock nicht!«

Weil aber von jeher das Salz ein wirksames Mittel gegen alle bösen Geister war, verschwand von Stund an der Rehbock von der Haustüre und mit ihm der gefürchtete wilde Jäger, der den Müller unbehelligt ließ …

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Wie mancherorts noch wird die Sage von der unwillkommenen Jagdbeute des wilden Jägers auch in dieser Gestalt erzählt:

In der Nähe von Dittersdorf hat der wilde Jäger früher vor allem in den Morgenstunden sein Unwesen getrieben und die Knechte des Kammergutes daher immer im Schlafe gestört. Da sie aber tagsüber vom Gutsherrn von Sonnenaufgang bis in die späte Nachtzeit zur Arbeit angehalten wurden, bedurften sie unbedingt der wenigen Stunden Schlaf. So soll dann einer von ihnen einmal ärgerlich gerufen haben: »Da schieß doch mir auch einmal einen Hasen!« Als er nun aufstand, lag wirklich ein halber Hase vor seinem Bett. Mißmutig warf der Knecht ihn auf den Misthaufen. Doch am anderen Morgen lag der Hase wieder vor seinem Bett, und das ging so lange, bis er das Tier endlich mit Salz bestreute und eingrub.

 
(aus: Günter Wachter, Der Schatz unterm Stelzenbaum, Schleiz 1978)